Kinofilm: Die süßeste Versuchung seit es Schach gibt... - Update: Jetzt mit Rezension

EisEr ist jung, smart, sieht gut aus und ist dazu noch intelligent. Auf und neben dem Brett macht er stets eine Figur. Wie kaum ein anderer hat es Schachweltmeister Magnus Carlsen verstanden, einen globalen Hype um sich und um den Schachsport auszulösen. Doch wer ist der Mensch Magnus Carlsen? Die zeitgleich zum aktuellen Weltmeisterschaftskampf Carlsen-Karjakin in New York (11. – 30. November) zu sehende Dokumentation „Magnus" von Benjamin Ree gewährt einen Blick hinter die Kulissen, zeigt niemals zuvor gesehene Aufnahmen aus seinem familiären Umfeld und zeichnet seinen Weg von einem introvertierten Jungen zum weltbesten Spieler nach. Alle Schachinteressierten sind eingeladen, diesen Film mit uns am 5. Dezember, ab 17:00 Uhr, im Lichtspiel Bamberg, anzusehen. Vereinsmitglieder können je eine von insgesamt acht Karten gewinnen. Unser Dank gebührt NFP marketing & distribution für die Überlassung der Karten. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, in der Gaststätte Fässla, über die Voraussetzungen und den "Preis des Erfolges" zu sinnieren. Mitglieder, die eine Freikarte wünschen, beantworten bitte bis zum 27. November folgende Frage: Wie heißt das Land der Fjorde, aus dem Carlsen stammt? Die Antwort ist zu richten an: spielleiter@sc-bamberg.de.  Update: Ab sofort ist eine Rezension für alle Cineasten und Schachfreunde verfügbar.


Verlinkung Trailer zum Kinofilm Magnus auf Youtube


Es gibt bekanntlich nichts wirklicheres als die Wirklichkeit – und zugleich nichts spannenderes. Man stelle sich nur einmal vor, Leonardo DiCaprio hätte in der Hauptrolle den Schachweltmeister Magnus Carlsen gespielt, der Film „Magnus. Mozart des Schachs“ wäre womöglich nie so überzeugend und authentisch, wie die in unseren Kinos im November/ Dezember zu bestaunende Dokumentation Benjamin Lees.

Psychogramm“ dank Amateur- und Profi-Aufnahmen

Mit seiner Mischung aus nie gesehenen oder gezeigten privaten Amateuraufnahmen des familiären Umfeldes und professionellen Film-Sequenzen während der Wettkämpfe gelingt es Lee ein detailreiches Bild des Schachweltmeisters Carlsen und unseres Sports zu zeichnen, angefangen von der Kindheits- und Jugendjahren Carlsens bis hin zum ersten Weltmeisterschaftskampf Carlsen gegen Viswanathan Anand im Jahre 2013. Gleichzeitig wirft der Film auch interessante über unseren Sport hinaus weisende Fragen auf.

Malocher oder Genie?

Ist es möglich, dass jedes x-beliebige Kind Weltmeister werden kann, wenn es dies nur fest will und daran glaubt, oder ist dies ausgeschlossen und bloßer Humbug? Welche Leistungen sind auf Training, harte tägliche Arbeit am Schachbrett und welche auf angeborenes Talent zurückzuführen? Dass Carlsens Erfolge nicht zuletzt auf früh angelegten Persönlichkeitseigenschaften und Kompetenzen gründen, wie der Fähigkeit zum mathematischen und logischen Denken oder stundenlangen in sich versunkenen vertieften Nachdenken, wird in den Interview-Sequenzen mit seinem Vater, Förderer und Manager Henrik Albert Carlsen sowie in den privaten Filmszenen seiner Kindheitsjahre eindringlich und plausibel dargestellt. Wissenschaftlich ist es mittlerweile auch nachgewiesen, dass Schachspieler im Vergleich zur Normal-Bevölkerung signifikant introvertierter sind, was auf in der Persönlichkeit liegende Eigenschaften verweisen würde. Warum jedoch aus manchen „Wunderkindern“ Weltmeister werden, während andere „One-Hit-Wonder″ bleiben, ist auch dem Betrachten des Films nicht gänzlich zu beantworten.

Enthüllungsbericht: „Inside Chess“

Im Vergleich zu anderen Epochen scheint der Computer auch unseren Sport nachhaltig zu verändern und verändert zu haben, wie im Film zu sehen. Zwar erfahren Weltmeisterschaften der Computer untereinander nicht die gleiche mediale Aufmerksamkeit wie die ihrer menschlicher Schöpfer, aus dem häuslichen Gebrauch sind diese für Jedermann nicht mehr wegzudenken. War früher noch eine aufwendige Recherche und stundenlanges vertieftes Selberdenken oder kollektives gemeinsames Denken erforderlich und die Analyse ein hohes, zu schützendes vertrauliches Gut, gestatten es nun Datenbanken und Rechner, die Vorlieben des Gegners und die Schwachstellen in ihren Systemen in Windeseile ausfindig zu machen – was für Amateure und Profis gleichermaßen zutrifft. Carlsens Kontrahent Anand wird im Film auch eine vorwiegend rein wissenschaftliche Herangehensweise an das Schach attestiert und nachgesagt, dass dieser allein für die Vorbereitung des Weltmeisterschaftskampfes fünf Großmeister als Sekundanten (!) mit der Computer-Auswertung seines Gegners beschäftige, wohingegen für Carlsen Ausgleichssport und Familie zu den wichtigsten Stützen zählten.

Magnus Carlsen ein modernes Genie

Dass große Leistungen eine gewisse mentale Stärke und gewisse Lockerkeit oder Entspanntheit erfordern, Angst und die Furcht etwas zu verlieren, blockierend wirken, ist hingegen aus der psychologischen Forschung bekannt und mittlerweile ein Gemeinplatz. Um ein Haar hätte Carlsen seine Chance um die Weltmeisterkrone im Schach spielen zu dürfen, auch verpasst, als er beim Kandidatenturnier 2013 zwei Mal verlor, wie im Film zu sehen. Der innere und äußere Druck, der auf Spitzenspielern wie Carlsen lastet, scheint somit immens zu sein. Schlaflose Nächte, Augenringe und der Kampf mit den eigenen „inneren Dämonen“ gehören dazu, wie Interview und Bilder Carlsens zeigen. Auch der Erfolg hat damit seinen Preis – und auch Schachspieler müssen einen Tribut entrichten. Inwieweit Carlsens Leistungen jedoch ausschließlich seinen Gedanken und Einfällen entspringen, ist nicht vollständig abzuschätzen. Ein absoluter Verzicht auf Computer durch Carlsen ist auszuschließen. Ab einem gewissen Punkt dürfte er jedoch wie jeder andere Spieler auch gezwungen sein, ausgetretene Pfade zu verlassen und selbst zu spielen. Es scheint somit gerechtfertigt zu sein, in der Bezeichnung „Mozart des Schachs“ mehr als bloß einen raffinierten Marketing-Trick zu sehen. Vielmehr dürfte es sich bei Magnus Carlsen um ein „modernes Genie″ unserer technisierten Zeit handeln, bei dem Licht und Schatten dazu gehören. Fehler und Schwächen auf und neben Schachbrett inklusive.

Insgesamt ein sehr sehenswerter Film, der jedem Schachfan nur eindringlich ans Herz gelegt werden kann und der in keiner Film-Sammlung fehlen sollte.

 

Die Bewertung im Einzelnen:

Schach: Authenzität, Richtigkeit, Spannung des Spiels  
 Inhaltlicher Gehalt/ Geschichte
 Emotionalität/ psychologische Tiefe  
 Darstellung: Machart des Films  
Action: Spannung der Handlung