Kinofilm: Das Talent des Genesis Potini - jetzt mit Update: Rezension

Die spannendsten Geschichten schreibt das Leben selbst. Eigentlich bräuchte man weder Film, Kunst noch Kultur, wenn jeder von solchen Begebenheiten Kenntnis nähme. Die Biographie Genesis Potinis ist eine davon: Viele Jahre Psychiatriepatient, manisch-depressiv, von seinen Ärzten abgeschrieben und mit einem riesigen Talent gesegnet: Er kann exzellent Schach spielen und andere dafür begeistern. Mit seinem Entschluss, diese Gabe an benachteiligte Kinder und Jugendliche weiterzugeben, veränderte er nicht nur das eigene Leben zum Positiven, sondern gab auch anderen eine Perspektive. Ab dem 16. Juni ist dieser ganz besondere Schach-Spielfilm, von dem das Empire Magazin schrieb, es sei eine „tiefempfundene Verfilmung einer wirklich außergewöhnlich wahren Geschichte“ oder den The Guardian als "durch und durch unterhaltsames Drama" bezeichnete, in unseren Kinos zu sehen. Als Verein haben wir beschlossen, uns diesen mehrfach prämierten neuseeländischen Film auch nicht entgehen zu lassen. Zum Kinostart schauen wir diesen am 16. Juni, 20:25 Uhr, im Lichtspiel Bamberg, an. Danach besteht die Möglichkeit, über Schauspieler und Inhalte zu sinnieren. Mitglieder des SC 1868 Bamberg können sich jeweils eine von insgesamt 8 Freikarten sichern. Wir danken Koch Media für deren Überlassung! Weitere Informationen zum Film findest Du in den Links. Update: Ab sofort sind Rezension und ein Bild unserer Cineasten verfügbar.


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Rezension: Blaue Augen beim Schach

Der ehemalige Weltmeister Garry Kasparow sprach einmal davon, dass Schach das brutalste und grausamste Spiel von allen sei: Geht es doch darum, den gegnerischen König zu „ermorden“ und das eigene Schicksal in einer kampf- und konfliktbetonten Auseinandersetzung vor der „Vernichtung“ zu retten. Dem widerspricht nur scheinbar ein äußerlicher Blick auf Schachspieler am Schachbrett: Meist in sich versunken, in sich gekehrt, friedlich, ruhig, die Hände den Kopf stützend, gehen diese ihrer aufwühlenden und nervenaufreibenden Leidenschaft nach. Vieles bleibt im Verborgenen und wird nur anhand von Mimik und Körpersprache sowie in sublimierter Form des Spielens offenbar.

Die blauen Augen bleiben verborgen

Umso überraschender wird es erst, wenn dieses Innere und diese verborgenen gewaltige Impulse mit einem feindlichen Umfeld eine spannungsgeladene und doch harmonische Einheit bilden, wie beim Kinofilm „Das Talent des Genesis Potini“ anschaulich zu sehen. „Für einen Schachfilm gab es sehr viele blaue Augen“, sagte unsere Schachfilm-Expertin Ingeborg Schuler im Anschluss an den gemeinsamen Kinobesuch des Schachclub Bamberg am 16. Juni und drückte dabei den Kern des Gesehehens zugleich aus.

Kampf dem Elend

Nicht nur beeindruckten die kontrastreichen und melancholischen Bilder sowie Filmsequenzen, – manche Träne dürfte bei den Besuchern geflossen sein –, sondern auch die tiefe emotionale und pychologische Dimension des Films. Auch wenn das darin auf gezeigte Sozial-Drama aus Elend, Perspektivlosigkeit, Bandenkriminalität und -gewalt in einer langen Reihe von (amerikanischen) Sportfilmen steht, so schmälert dies das historische Lebenswerk des Genesis Potini, der Kinder von der Straße holte und durch die Gründung des Schachjugendclubs „Eastern Knights“ eine Perspektive gab, in keiner Weise. Dass Schach aufgrund seines spezifischen Charakters eine Ressource der Hoffnung in sehr schwierigen Lebenssituationen und sozialen Zuständen sein kann, ist durch die Trierer Schulschachstudie, die Publikation „Klüger durch Schach“ und durch viele belletristische Verarbeitungen – man denke nur an Stefan Zweigs Schachnovelle und prüfe diese auf deren Gehalt – vielfach bestätigt und verarbeitet worden. Besonders gelungen, war im Film in diesem Zusammenhang auch die Darstellung des Gründungsmythos des Schachs als lehrreichem und belehrendem Kriegsspiel und dessen Adaption auf die Traditionen der Maori, was vorallem Kindern und Jugendlichen einen Weg zum Schachsport öffnen kann.

Die Entwicklung des Ichs

Schach bietet als kreative Sportart zudem unendliche Möglichkeiten sich Auszudrücken und die eigene Identität zu entwickeln, wie die im Film eingelassene familiäre Geschichte und Beziehung des Genesis Potini, zu dessen Bruder Akiri und dessen Sohn Mana zeigen. Mana, dessen Vater ihn in die Welt der rauhe und gewalttätige Welt der Banden einführen und „zu einem Mann“ machen möchte, fühlte sich eher von der weichen und zerbrechlichen Seite seines Onkels Genesis Potinis angetan, wodurch er auch auch einen Zugang zum Schachspiel findet. Sein Weg zum Schach wird damit auch ein Weg zu sich selbst, weg von den Anforderungen des Vaters und der Welt der Kriminellen und Banden. Getreu der griechischen Weisheit: Erkenne dich selbst und werde, der Du bist!

Gestörtes Ich und/ oder pathogene Gesellschaft?

Dass Genesis Potini an dem psychischen Leiden einer Borderline-Störung (manisch-depressiv) litt, ist heute bekannt und für jedermann anhand dessen Biographie als ehemaliger Psychatriepatient offensichtlich. Dem Schauspieler Cliff Curtis gelingt es als Genesis Potini eindrucksvoll, diese Art des Fühlens und Denkens, die in ihren Schwankungen von der „normaler Menschen” abweicht und andere auch verstört haben muss, darzustellen. Dennoch wirft der Film auch Fragen auf, macht nachdenklich und ermahnt uns alle, zurückhaltend mit unserem Urteil zu sein, andere Menschen nicht zu stigmatisieren oder zu etikettieren, wie im Film zu sehen. – Ihnen kurzum eine Chance zu geben und damit nicht in weiteres Elend zu treiben.

Man muss an sich glauben, egal, wie es steht

Einzig und allein der schachliche Aspekt des Films kommt einbisschen zu kurz und verbleibt an der Oberfläche. „Das Spiel ist eigentlich verloren“, meinte ein Spieler der ersten Mannschaft während des Films, als er den finalen Kampf um den Titel eines von Genesis Potini betreuten Spielers beim Jugendturnier in Auckland sah. Aber vielleicht sollten sich die Spieler unseres Vereins auch daran ein Vorbild nehmen: Auch wenn Figuren durch Unachtsamkeit verloren gehen, kann man das Spiel dennoch gewinnen. Es bedarf nur des Glaubens an sich selbst. „Durch Aufgeben hat noch niemand ein Spiel gewonnen”, lautet ein bekannter und immer noch richtiger Aphorismus Savielly Tartakowers.

Bewertung

Insgesamt somit ein sehr guter, ansprechender und sehenswerter Film. Freunden gehaltvollen Kinos sei dieser Film unbedingt empfohlen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Bildlegende: Die Cineasten des Schachclubs im Lichtspiel Bamberg

Quelle Bild: Jens Herrmann

 

Bewertung im Einzelnen*:

Schach: Authenzität, Richtigkeit, Spannung des Spiels
Inhaltlicher Gehalt/ Geschichte:
Emotionalität/ psychologische Tiefe:
Darstellung: Schauspieler, Machart des Films
Action: Spannung der Handlung

*Maximal 5 Sterne jeweils möglich