In Bayerisch-Afrika - ein Reise- und Erlebnisbericht

Landkarte Bayerns mit afrikanischen FlaggenEs gibt große, kleine, handzahme und gefräßige Tiere. Von allem war beim Schaulaufen der Bayerischen Schachprominenz im schwäbischen Mering etwas vertreten. Darunter mischten sich auch die Bamberger Kurt-Georg Breithut und Jens Herrmann, die die heimische Flagge und die Oberfrankens im bayerischen Ausland hochhielten. Während Ersterer mit 18 Punkten aus 35 Runden letztendlich wieder einmal bewies, dass Blitzschach seine Spezialität ist, und einen guten 15. Platz bei 36 Startern erreichte, landete Jens Herrmann, nach zunächst furiosem Beginn, doch noch etwas enttäuschend mit 13,5 Punkten im hinteren Mittelfeld auf Rang 26. Gewinner wurde hingegen der Garchinger Großmeister Egor Krivoborodov, der nur einen halben Zähler im ganzen Turnier (!) abgab. Dass das Survival-Training vor Ort in der bayerischen Provinz bereits früher begann, erwies sich dabei keinesfalls abträglich – ganz im Gegenteil. Ein Reise- und Erlebnisbericht Jens Herrmanns.

Eigentlich hätte die Sache so einfach sein können. Bereits eine Woche zuvor traf ich freitags Kurt-Georg in unserem Club-Lokal, dem KFZ, um ihm mitzuteilen, dass ich, trotz fehlender Qualifikation, eine Startberechtigung für die Blitz-EM von Spielleiter Ostermeier erhielt. Die Strapaze einer langen Reise wollten sich doch einfach nur wenig Oberfranken – oder Verrückte – antun, sodass ich anstatt derer den Vorzug und das Recht erhielt. Kurt-Georg zeigte mir bei dieser Gelegenheit auch schon eine Luftansicht des Bayern-Altas', worin die genaue Wegroute vom Bahnhof zur Spielstätte markiert war. Gesagt getan, vertraute ich, ob dieser scheinbar vorbildlichen Vorbereitung Kurt-Georg voll und ganz und auch der von ihm per Mail übermittelten Fahrtroute und den Fahrtzeiten.

Mehr als 3 Stunden Fahrt – genug Zeit zum Quatschen

Der Turniertag konnte somit näherrücken. Am vergangenen Samstag trafen wir uns dann, wie verabredet, um 6:30 Uhr auf dem Gelände des Bamberger Bahnhofs – Kurt-Georg hatte bereits zwei Stunden Wegstrecke von Coburg hinter sich (!) – und machten uns gemeinsam mit der Bahn auf den Weg in die bayerische Provinz. Vorbei an Nürnberg, Treuchtlingen, Bopfingen, Hintertupfingen, Augsburg, oder wie auch immer die Ortschaften hießen mögen. Als erfahrener „Olympionike der Schach EMs“, erklärte er bei unserer über dreistündigen Fahrt, wie wichtig es sei, sehr gut ins Turnier zu starten. Jedoch war dies, wie sich später herausstellten sollte, nur die halbe Wahrheit. Ich scherzte auch ob des von ihm ausgedruckten Plans und meinte, ob er vorhabe mit dem Fallschirm vor Ort abzuspringen. Nichtwissend, dass das Survival-Training vor Ort früher beginnen sollte als angedacht.

Das Survival-Training beginnt in Mering-Afrika

Gegen 9:52 Uhr erreichten wir die Haltestelle Mering St. Afra. Kurt-Georg versicherte mir, wider meines Nachfragens und Blicks, dass es jetzt soweit so weit sei und wir hier raus müssen. „Hier bin ich schon einmal gewesen, das weiß ich noch“. Also stiegen wir aus. Kurz darauf, als wir den Bahnhofsvorbau verließen, schien es Kurt-Georg zu dämmern: Plan, Gebäude und Straßen wollten einfach nicht übereinstimmen. Wir waren eine Station zu früh ausgestiegen. „Welch ein Katastrophe!“, dachte ich mir, hielt mich aber zurück. Das Survial-Training begann damit schon jetzt – frühzeitig. Zeit um sich Vorhaltungen zu machen, war jedoch keine: Wir mussten den Zielort um jeden Preis erreichen. Das hatte Priorität! Wir fragten uns durch. Die erste Person, die uns begegnete und unser „Opfer“ werden sollte, war ein älteres Mütterchen. Aus deren ausladenden Ausführungen entnahmen wir zumindest grob den Weg nach Mering. Ein erster Hinweis. Die Zeit drängte: 10:20 Uhr sollte es losgehen. Gemäß ihrer Beschreibung sollten es 20 Minuten zu Fuß sein – sie sollte ungefähr damit Recht behalten. In Safari-Manier oder Wild West-Art machten wir machten wir uns im zügigen Fußmarsch auf den Weg – unter Missachtung der Verkehrsregeln und der Sicherheit. Wie sich später bei Google Maps herausstellte, handelte es sich um eine Strecke von 2 Kilometern, anstatt der vorher anvisierten 500 Meter.

Nichts bleibt einem erspart

Zumindest Mering war jetzt schon in Sicht. Die Straßenschilder und das Ortsschild deutete es in der Ferne bereits an. Vor Ort angekommen, traf unser erster Blick eine riesige ausgehängte Straßenkarte. Man hätte annehmen können, dass dort, wie bei jedem modernen Aushang üblich, der aktuelle Standort eingezeichnet gewesen wäre, nicht jedoch in Mering – nicht in Bayerisch-Afrika. Es ging somit weiter. Bei einem Supermarkt fragten wir erneut. Wieder erhielten wir ein paar bedeutende Punkte als Wegmarken. Das sollte reichen, um uns auf die Spur zu bringen. Zu allem Überfluss musste jetzt nur auch noch Anstieg genommen werden. 10:20 war es soweit – endlich! Wir erreichten gerade noch rechtzeitig die Mehrzweckhalle in Mering, man wartete bereits auf unser Erscheinen. Nassgeschwitzt aufgrund des zügigen Gehens und des einsetzenden leichten Nieselregens. Mein Kopf war, wie ich beim Frischmachen feststelle, hochrot angelaufen.

Wie in der „Schachfabrik”

Nur kurz darauf ging es los. Das Turnier wurde freigegeben und wir nahmen an vorgesehener Stelle Platz. Zum Verschnaufen war kaum Zeit. Unweit von mir, auf der gegenüberliegenden Seite, Kurt-Georg, der jedoch im Rutschsystem die andere Richtung nahm, sodass ich ihn aus den Augen verlor. Das Turnier begann dennoch gut für mich. Die Extraportion Sauerstoff und der Frühsport machten sich bezahlt. Ich startete wider Erwarten mit 5,5 aus 6 (!) und besiegte auch die weibliche WIM Nato Imadze und trotzte FM Thomas Lentrodt ein Remis ab. Danach ein leichter erster Einbruch. Es kamen vier Niederlagen hintereinander. Insgesamt lief es jedoch zu diesem frühen Zeitpunkt noch gut. Gegen 3 weitere FMs punktete ich voll oder teilweise. Bei Kurt-Georg lief es nach anfangs etwas stotternd, die Laune war etwas grießgrämisch, jedoch steigerte er sich im Verlauf. Zur Pause, nach 16 gespielten Runden, hatte ich 9 Punkte auf dem Konto und war damit sehr zufrieden. Kurt-Georg war nur mit einem halben Zähler hinter mir und blieb auf Platz 19 in Lauerstellung. Jetzt war die Mittagspause angesagt. Während die anderen Teilnehmer ihr Essen bereits frühzeitig über die Turnierleitung beim Italiener bestellt hatten, hatte ich dies aufgrund der hektischen Anreise verpasst. Ich musste mit Kuchen vorlieb nehmen – vielleicht zu wenig. Im Gespräch mit Kurt-Georg scherze dieser, als er noch den Aushang zur siebten Runde sah, dass irgendetwas mit der Tabelle nicht stimme. „Da ist ein Fremdkörper“, und deute mit seinem Finger auf meinen Namen. Zu diesem Zeitpunkt war ich auf Rang 5. Er sollte damit leider richtig liegen.

Einbruch bei mir, Kurt-Georg hält die Leistung

Nach der Pause kam für mich in der Runde 17 der Großmeister Krivoborodov, gegen den ich ohne Not die Dame einstellte. Worauf ich sofort aufgab, da ich mir das nicht zeigen lassen brauchte. Jetzt schien irgendwie nichts mehr zu laufen. Acht Niederlagen (!) in Folge und auch die knappen Spiele konnten ich nicht mehr für mich entscheiden. Nur noch wenige Partien gewann ich, und manche sehr schlechte Partie war dabei. Währenddessen beobachte ich aus der Ferne auf der Leinwand, wie sich Kurt-Georg immer weiter nach vorne unter die besten 15 der Tabelle schob, was er auch bis zum Schluss beibehalten sollte. Am Ende sprang für Kurt-Georg, auch dank starker zweiter Halbzeit, mit 18 Punkten der Rang 15 heraus. Mir blieb mit 13,5 Punkt lediglich nur Platz 26. Es genügt eben nicht, wie Kurt Georg mir bei unserer langen dreistündigen Heimreise erklärte, gut zu starten, sondern es muss diese Form über die lange Zeit von 35 Runden konserviert werden. Wie wahr! Dies verriet er mir jedoch leider erst zum Abschluss. Gegen 21:20 erreichte ich geschafft Bamberg, für Kurt Georg es noch eine Stunde weiter auf dem Heimweg.

Ein persönliches Resümee

Insgesamt war es ein gutes Turnier für mich, wenngleich ich nach dem furiosen Start und der Halbzeitbilanz deutlich mehr erwartete und erhoffte. Kurt-Georg kann, denke ich, sehr zufrieden sein mit seinem Resultat. 35 Runden sind ein sehr hartes und sehr sportliches Programm. Das Teilnehmerfeld war auch sehr gut besetzt. Dass es immer Spaß machte, kann ich nicht behaupten, insbesondere nach krachenden Niederlagen. Zeit zum Ausruhen zwischen den Partien bestand kaum. Der Ausdruck „Schachfabrik" oder die Redewendung wie beim Bretzelbacken treffen den Sachverhalt recht gut. Etwas befremdlich war auch die Tatsache, dass wenn die Zeitnot in den Partien näher rückte und ein Spiel länger dauerte, permanent ein Schiedsrichter als „feindliche Drohne“ oder Schachroboter zugegen war, der beim Überschreiten der Zeit, die Partie entsprechend der FIDE-Regeln verloren gab. Dass jedoch die Uhr die Zeitüberschreitung per Fähnchen anzeigte, muss nicht zwingend sein – und sollte überdacht werden –, da dies im Zweifelsfall bei sehr knappen Entscheidungen die Verantwortung auf die Technik (und den Schiedsrichter) überträgt. Ähnliche Entwicklungen gibt es jedoch auch in anderen Sportarten. Man denke nur an den Fußball.

 


Weitere Informationen:

Turnierseite: Teilnehmer und Abschluss-Tabelle

VerlinkungTabelle mit den Bamberger Platzierungen